Grangemouth – die Geschichte der Lego „Weihnachtssteine“
Die mehrfarbigen Grangemouth-Steine sind seltene und sehr begehrte Stücke der LEGO Geschichte, sie werden üblicherweise zwischen 300 und 600 Euro pro Stein angeboten (und finden dafür auch Käufer…). Die verschiedensten Legenden ranken sich um sie – aber was ist ihre tatsächliche Entstehungsgeschichte?



Um diese Geschichte von vor einem halben Jahrhundert zu enträtseln, wurden Erinnerungen aus erster Hand und Dokumente aus den 1960er und 70er Jahren zusammengetragen, die im Folgenden beispiellose Einblicke bieten. Befragt wurden u. a. ein ehemaliger Physiker und Farbtechniker des Werks Grangemouth, ein Versandmitarbeiter, sowie die Kinder ehemaliger Mitarbeiter, die Steine aus dem Werk erhielten.
Zusammengetragen wurden all die Informationen von Matthew Nolan mit Hilfe von Wouter van Iersel und Elspeth De Montes, von denen auch einige Fotos stammen (special thanks to Gavin O’Cleirigh too). Eine großartige Arbeit!
Ich freue mich sehr darauf Bezug nehmen zu dürfen, um diese wohl einmalige Geschichte einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Wie alles begann…
Die Geschichte beginnt 1961, als Anchor Chemicals im Vereinigten Königreich ein Joint Venture mit Marbon Chemical in den USA, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft der Borg-Warner Corporation, gründete.
Zwei Jahre und sechs Millionen Pfund später wurde das Werk in Grangemouth als das erste große britische Werk für die Herstellung von ABS-Polymeren (Acrylnitril, Butadien, Styrol) fertiggestellt.

Auf einem 40 Hektar großen Gelände an der Bo’ness Road wurden dort ABS-Polymere durch Emulsionspolymerisation hergestellt, die im Vakuum geformt und zu Haushaltsgeräten, Telefonhörern, Automobilteilen, Staubsaugerteilen und vielem mehr verarbeitet wurden.
Die LEGO Gruppe (TLG) machte 1960 das britische Unternehmen Courtauld’s Corp. unter dem Namen British LEGO Ltd. zum Lizenznehmer für LEGO in Großbritannien. Nachdem zwei Jahre lang LEGO Teile aus Dänemark importiert worden waren, wurde die Produktion von LEGO Teilen im Vereinigten Königreich in einer neuen Fabrik in Wrexham, Wales, aufgenommen. TLG hatte 1963 gleichzeitig auf ABS-Kunststoff umgestellt, und das Marbon-Werk in Grangemouth wurde als ABS-Lieferant für die neue britische LEGO-Fabrik in Wrexham ausgewählt.
Die ABS-Anlage in Grangemouth arbeitete 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die Hauptaufgabe bei der ABS-Produktion bestand darin, die feuerhemmenden Inhibitoren aus den drei einzelnen Rohstoffen zu extrahieren, sie zu mischen und zu erhitzen, um ABS-Granulat in jeder gewünschten Farbe mit zugesetzten Pigmenten herzustellen.
Die Qualitätsanforderungen von TLG waren sehr hoch und lagen über den Standards oder Spezifikationen anderer Kunden. Vor allem die Farben mussten perfekt sein.
Um einen hohen Standard der Qualitätskontrolle zu gewährleisten, besaß das Werk eine Spritzgussmaschine. Sie befand sich im Prüflabor und wurde von den Teams für physikalische und Farbprüfungen genutzt. Beide Teams arbeiteten in vier Schichten. Ursprünglich bestand jedes Team aus vier Personen pro Schicht, was sich in den 1970er Jahren mit steigendem Produktionsniveau auf fünf Personen erhöhte. Das Physikalische Team nutzte die Gießmaschine, um die Fließgeschwindigkeit des ABS für jede Charge zu prüfen und sicherzustellen, dass es alle Hohlräume der Form füllt, sowie die Schlag- und Zugfestigkeit. Das Farbteam verwendete Augenmaß, um ABS-Chargen mit Farbmustern abzugleichen, da es zu dieser Zeit noch keine Farbspektralphotometer gab.

In den 1960er Jahren stellte TLG dem Werk in Grangemouth eine Reihe von Formen für 2×4 LEGO-Steine zur Verfügung, um ABS in der Spritzgussmaschine zu testen. Von Steinen, die später in der Gegend gefunden wurden, wissen wir, dass es sich dabei um alte Produktionsformen handelte, z. B. eine D-Form und eine Y-Form mit je 20 Gussplätzen. Um 1968 kam eine letzte Form hinzu, die F-Form mit 4 Gussplätzen und neuem Lego Logo auf den Noppen, die speziell für Qualitätstests gebaut wurde.
Lego statt Truthahn und Whiskey
Um Weihnachten 1970 herum beschloss die Werksleitung von Grangemouth, die saisonalen Geschenke an die Mitarbeiter – Whiskey und Truthahn – mit etwas ganz Besonderem zu ergänzen. Der Whiskey war für die Männer gedacht und der Truthahn für die Ehefrauen oder weiblichen Angestellten, aber es gab nichts für die Kinder. In diesem Jahr gab es als Geschenk für jedes Mitarbeiterkind eine Tüte mit LEGO-Steinen, die im Werk hergestellt wurden.
Die Mitarbeiter des Testlabors hatten die Aufgabe, die „Weihnachtssteine“ mit Hilfe der F-Form herzustellen und zu verpacken. Dazu wurden zunächst Abfallgranulate verwendet, die aus Chargen stammten, die aus geringfügigen Gründen zurückgewiesen wurden, sowie Granulate aus fertigen Chargen, die nicht mehr für die Tests benötigt wurden. Diese wurden dann je nach Bedarf mit Produktionspellets ergänzt, um genügend Säcke mit Steinen zu produzieren. Um die Produktion zu erleichtern, wurden große Mengen von Pellets in den Trichter der Spritzgießmaschine gegeben, unabhängig von der Farbe. Sie wurde auf Automatik gestellt und produzierte kontinuierlich diese ganz besonderen mehrfarbigen Steine.








Anfang 1979 produzierte TLG wieder selbst und beendete damit den Bedarf an in Grangemouth hergestelltem ABS. Diese Entscheidung hatte nichts mit der missbräuchlichen Verwendung der Form an den Weihnachtstagen zu tun. Als das Werk in Wrexham die Produktion einstellte und Grangemouth ABS nicht mehr benötigte, wurde die F-Form Ende 1978 vom Werk in Grangemouth an TLG zurückgegeben. Die Weihnachtsbausteine für die Kinder der Mitarbeiter wurden 1978 ein letztes Mal hergestellt.
Die Spritzgießmaschine des Werks Grangemouth befindet sich heute im National Museum of Scotland in Edinburgh und wurde vom letzten Eigentümer des Werks, SABIC, gestiftet. Das Grangemouth-Werk an der Bo’ness Road wurde 2011 abgerissen.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Steine von bestechender Schönheit – und Vielseitigkeit in der Verwendung, so sie denn in verschiedenen Formen zu erwerben wären… Und ich bevorzöge die Geschichte um Grangemouth & Co während des mit LEGO Kreativseins jeder themenfremden. Vielleicht beglückt uns eines Tages einer der LEGO relevanten Blogs, YT-Kanäle etc.pp. mit entsprechenden Podcasts…
Tolle Steine, die aus einer weihnachtlichen Idee heraus entstanden. Was alles möglich ist, wenn man nur will.
Das Vorkommen dieser Steine ist dann leider regional ziemlich eingeschränkt und die Wahrscheinlichkeit, dass noch mehr dieser Steine auftauchen, dürfte dann gegen Null tendieren.
Irre, dass die 190 Steine auf dem Farbverlauf-Bild bei dem niedrigsten angegebenen Preis pro Stein mehr als 50.000 € bringen würden. Wenn es denn nicht KI-generiert ist oder so…
Ich hätte nichts dagegen, wenn in Billund vor Weihnachten mal das Gleiche geschieht.
Nein, hier ist nichts KI-generiert.
Als diese schottischen Steine vor vielen Jahren in Facebook Gruppen und danach auf Bricklink auftauchten, konnte man sie noch zu etwas „humaneren“ Preisen kaufen. Ein paar wenige Sammler konnten so über die Jahre einen aus heutiger Sicht wahren Schatz anhäufen. Wie du schon sagst: irre, wenn man das heute einmal zusammenrechnet… Bleibt zu ergänzen: schon damals war Lego nicht mit der Verwendung der Form einverstanden – erübrigt sich also die Frage nach dänischen Weihnachtssteinen in 2025, leider.