Minifigur der Woche: Das ist doch kein Nazi! - Der Spielwaren Investor - spielend reale Rendite

Minifigur der Woche: Das ist doch kein Nazi!

Bei unserer heutigen Minifigur steht der Investitionsgedanke weniger im Vordergrund. Sie ist schlicht erschwinglich und wird es wahrscheinlich noch lange bleiben (obwohl man das ja nie so genau weiß). Sie stellt in der LEGO-Welt aber zweifelsohne eine kleine Kuriosität dar und wirft eine interessante Frage auf: Gibt es Nazis von LEGO? Bevor ich versuche, diese Frage zu beantworten, hole ich wie gewohnt etwas weiter aus.

LEGO hat feste Grundsätze und kommuniziert diese ganz deutlich nach außen. Einer dieser Grundsätze findet sich beispielsweise im Fortschrittsbericht von 2010 und besagt, dass LEGO das Ziel verfolgt, „[…] realistische Waffen und Militärausrüstung zu vermeiden, die Kinder aus Brennpunkten auf der ganzen Welt kennen könnten […]. Gleichzeitig soll die Marke LEGO nicht mit Themen in Verbindung gebracht werden, die Konflikte und unethisches oder schädliches Verhalten verherrlichen.“ (wir erinnern uns an das Debakel um die V-22 Osprey). LEGO sagt damit also, dass keine Sets zu Fahrzeugen veröffentlicht werden, die aktuell (oder in der jüngeren Vergangenheit) und ausschließlich zu militärischen Zwecken eingesetzt werden (oder wurden). Die Formulierung ist hierbei wichtig, weil LEGO sehr wohl historische Sets mit militärischen Hintergrund veröffentlicht hat. Ein oft genanntes Beispiel ist das Set Red Baron (10024) von 2002.

Red Baron (10024) von 2002 (Quelle: bricklink.com)

LEGO hat mit diesem Set ein Flugzeug veröffentlicht, dessen Pilot Manfred von Richthofen im ersten Weltkrieg 80 gegnerische Flugzeuge abschoss – also ein militärisches Flugzeug mit einer realen Vorlage. Aber das ist ja schon ewig her und nach der Logik der LEGO-Verantwortlichen sollte es Überlebende aus dem ersten Weltkrieg, die sich daran stören könnten, kaum noch geben. Okay, man mag moralisch darüber urteilen wie man möchte. Gegen die eigenen Grundsätze verstößt LEGO damit allerdings nicht.

Insgesamt war LEGO rückblickend weitgehend bemüht, sich eine gewisse Neutralität in Bezug auf sensible politische und religiöse Themen zu waren. So ist beispielsweise zu erklären, dass 1957 mit der Setnummer (1)309 die letzte (und einzige) Kirche von LEGO erschien. Zudem zeigte sich LEGO nach außen vielfach besonders open minded und inklusiv, indem beispielsweise Minifiguren im Rollstuhl oder mit Hörgerät veröffentlicht wurden. Bezogen auf die Black Lives Matter-Bewegung bezog LEGO erst kürzlich ganz klar Position und unterstützte diese unter anderem mit einer Spende in Höhe von vier Millionen Dollar. Da würde es doch so gar nicht ins Bild passen, wenn LEGO mit Blick auf die (noch immer aktuelle) politische Brisanz Sets, die in irgendeiner Weise mit dem dritten Reich und rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht werden könnten, auf den Markt gebracht hätte. So weit wäre LEGO doch nie gegangen, oder?

LEGO Indiana Jones

Um dieser Frage nachzugehen, beleuchten wir heute eine Themenreihe, zu der LEGO in den Jahren 2007 bis 2009 insgesamt 18 Sets vermarktet hat: Indiana Jones. Indiana Jones (gespielt von Harrison Ford) ist ein fiktiver Charakter aus einer Reihe gleichnamiger Filmabenteuer. Die Handlung der Filme ist aber in einen realen historischen Kontext eingebettet. Der erste Teil Jäger des verlorenen Schatzes erschien 1981, der vierte und bislang letzte Teil Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels 2008. In allen Filmen geht es um die Suche nach legendären Reliquien: Die Bundeslade, die Shankara-Steine, der heilige Gral und ein Kristallschädel der Inka. Da die ersten drei Teile in den 30er-Jahren spielen, treten die Nationalsozialisten, die sich oft an antiken Vorbildern orientierten, im ersten und dritten Film als Gegenspieler auf. Und jetzt wird es interessant! Zu beiden Filmen sind LEGO Sets erschienen und vier davon enthalten deutsche Soldaten, die bei BrickLink schlicht als German Soldier gelistet sind. Der erste Soldat erschien 2007 neben Indiana Jones und seinem Vater Henry Jones Sr. im Set Indiana Jones Motorcycle Chase (7620).

Deutscher Soldat im Set Indiana Jones Motorcycle Chase (7620)

Das Set ist auf den dritten Teil Indiana Jones und der letzte Kreuzzug bezogen, dessen Haupthandlung im Jahre 1938 spielt. Als böse Gegenspielerin ist die deutsche Archäologin Dr. Elsa Schneider zu nennen, die ihrerseits mit den Nazis zusammen arbeitet und entsprechend von deutschen Soldaten bei ihrer Suche nach dem Heiligen Gral unterstützt wird. Jetzt bin ich kein promovierter Historiker. Mir ist aber nicht bekannt, dass es während des zweiten Weltkrieges eine Gruppe deutscher Soldaten gegeben hätte, die für derartige Aufgaben in Frage gekommen wäre und sich nicht dem nationalsozialistischen Regime gefügt hätte. Ergo muss es sich bei dieser Figur doch um einen Nazi handeln, oder?

Eine Frage der Perspektive

Schauen wir uns die Figur genauer an. Im Grunde ist die Figur ziemlich langweilig. Keines der Teile ist exklusiv, nicht einmal der einseitig bedruckte Torso. Dieser wurde nämlich einfach noch für die übrigen vier weiteren deutschen Soldaten verwendet. Eine dieser Figuren habe ich mir extra über BrickLink gekauft um sie für diesen Artikel genauer unter die Lupe nehmen zu können. Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass die Figur nicht neu ist und damit Gebrauchsspuren aufweist – wenn man so will ein gebrauchter Nazi. Solch eine Figur ist bei BrickLink übrigens für etwa 5 € zu haben.

Die Figur stammt aus dem Set Race for the stolen Treasure (7622) und enthält den besagten Torso. Der Druck mit dem aufgeknöpften Hemd mit Brusttaschen, Hosenträgern und Gürtel lässt vielleicht auf einen Soldaten schließen. Allerdings verzichtet LEGO auf Abzeichen oder ähnliche Symbole, die in irgendeiner Art Rückschlüsse auf nationalsozialistisches Gedankengut zuließen (was zumindest die Deutsche und Österreichische Rechtsprechung aber auch nicht zugelassen hätte). Auch der Kopf gibt uns lediglich Hinweise darauf, dass dieser Charakter hier recht unentspannt ist. Auf die Epoche, in der diese Figur zuhause ist, bekommen wir ebenfalls keinen direkten Hinweis. Schließlich waren Schnurbärte auch noch in den 80ern angesagt (ich frage mich, ob der Kopf geeignet für eine Tom Selleck-Minifigur wäre …).

Race for the stolen Treasure (7622) von 2008 (Quelle: brickset.com)

Die Figur wird also erst im Kontext der Filmhandlung zu einem Nazi. Welche Gesinnung das kleine Männchen hat, hängt dann wohl vom Betrachter ab. Für ein Kind, welches damit spielt (das Set hat eine Altersempfehlung von 7-14) und sich mit der Geschichte weniger gut auskennt, ist diese Figur wohl nur ein einfacher Soldat … oder ein Pfadfinder … oder … LEGO muss sich meiner Meinung nach aber zumindest den Vorwurf gefallen lassen, dass man diese Figur als Nazi interpretieren kann (wie dann der schwarze Brick, Modified mit dem Lichtschwertgriff hinten auf dem kleineren Fahrzeug zu interpretieren ist, sei mal dahingestellt).

Die Filmvorlage verzichtet übrigens keineswegs auf die Darstellung antisemitischer Symbole, wie etwa in folgendem kurzem Ausschnitt aus dem dritten Teil zu sehen ist. Eindeutig zu erkennen sind die Armbinden und die Abzeichen an den Uniformen. Als Kind war mir die Bedeutung dessen nicht klar.

Wie seht ihr das? Gibt es Nazis von LEGO? Interessiert euch das überhaupt? Was haltet ihr von der Indiana Jones-Reihe? Schreibt es in die Kommentare!

4 thoughts on “Minifigur der Woche: Das ist doch kein Nazi!

  • 28. September 2020 um 20:59
    Permalink

    Es scheint wirklich eine heikle Frage zu sein, wenn hier noch niemand kommentiert hat. Ich mache einfach mal den Anfang:
    Die Minifigur als solche ist meiner Meinung nach völlig unproblematisch. Würde sie jemand ohne Herkunftswissen aus einer LEGO-Kiste ziehen, würde er einen unspezifischen Soldaten oder sogar nur einen Wüstenforscher o.Ä. darin sehen.
    Im Kontext der Indiana Jones Sets ist es aber unabstreitbar ein Nazi. Bei einem solchen Spielset gibt es sicherlich auch Kinder, die nicht die Guten, sondern die Bösen gewinnen lassen, was hier durchaus makaber ist. Wenn LEGO das Set nach der neuen Richtlinie bzw. Philosophie im Jahr 2010 veröffentlicht hätte, hätte ich es als sehr ungeschickt empfunden.
    Ich sehe darin keinen schlimmen Affront, aber so ganz korrekt ist es sicherlich nicht und war es sicherlich auf vor 2010 nicht. Dieses Feld sollte man Klemmbausteinherstellern mit einer anderen Philosophie überlassen. In diesem Rahmen für mich aber kein Grund, den Zeigefinger zu erheben oder ein Politikum daraus zu machen.
    Insgesamt ein toller Artikel, Thomas!

  • 28. September 2020 um 21:26
    Permalink

    Danke! Ja, es ging mir mit dem Artikel nicht darum, LEGO an den Pranger zu stellen, sondern vielmehr das besagte Setting kontrovers zu diskutieren. Ich frage mich, wie man wohl heute in Billund darüber denkt … Lobenswert finde ich, dass LEGO überhaupt Richtlinien hat und somit zumindest etwas Transparenz schafft.

  • 28. September 2020 um 21:32
    Permalink

    Das habe ich so auch keineswegs verstanden. Eine wirklich spannende Frage, auch unabhängig von der Osprey-Angelegenheit.

  • 30. September 2020 um 0:15
    Permalink

    Wie immer ein schöner Artikel zum Thema Minifiguren, wenn auch die zeitlichen Zusammenhänge am Anfang (wann Lego welche Statements in welcher Form veröffentlich hat und wann Lego welche Sets herausgebracht) durchaus etwas wild durcheinandergemischt wurden 🙂 Der Umgang Legos mit gewissen Themen und auch der Umgang mit der Veröffentlichung von bestimmten „Themen“-Sets hat sich ja schon sehr gewandelt.

    Ich denke nicht, dass Lego heute bestimmte Sets nochmal genau so oder in Teilen überhaupt herausbringen würde. So wie sich die Gesellschaft „weiterentwickelt“ (zumindest in Teilen :-)), kann das ja durchaus auch ein Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht schaffen 🙂

    Die Vorlage Indiana Jones ist rein fiktiv, auch wenn sie vor einem „historischen“ Hintergrund spielt. Der Argumentation, dass nun Minifiguren aus Lego-Sets, Nazis darstellen würden oder könnten, kann ich auf sachlicher Ebene überhaupt nicht folgen. Zumal Lego bewusst darauf geachtet hat, hier überhaupt keine „optische“ Verbindung herzustellen. Wenn ich aber (subjektiv betrachtet) diese Verbindung unbedingt herstellen möchte, schaffe ich das natürlich, da die Vorlage ja diese Themen enthält (wenn auch in einem fiktiven Zusammenhang).

    Daher wäre meine Fragestellung eher, ob ich als „Spielwaren“-Hersteller überhaupt Bücher, Filme, Serien u.ä. als Grundlage für meine Produkte nehmen muss, die in irgendeiner Weise (fiktiv oder nicht), mit Themen in Verbindung gebracht werden könnten, die weder in den Vordergrund gestellt, noch (im schlimmsten Fall) beworben werden sollten. Denn dieser „Gefahr“ setze ich mich mit der Veröffentlichung von solchen „Themen“-Sets natürlich aus, ob ich will oder nicht…

    Deswegen würde ich persönlich (obwohl ich ein riesiger Indiana Jones Fan bin :-)), in der Rolle Legos, keine Indiana Jones Sets herausbringen. Mal schauen was die Zukunft bringt, die Filmreihe soll ja noch nicht zu Ende sein 🙂

    Auf jeden Fall ein dickes „Danke schön“ an Dich für diese wirklich äußerst interessanten, diskussionswürdigen und über den „Tellerrand hinausschauenden“ Minifiguren-Artikel. Ich hoffe, das bleibt noch lange so!!!

    Nächtliche Grüße aus Oberschwaben

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen